[Stolperstein][D]

Stolpersteine

Stolpersteine erinnern bereits in mehreren Städten an die Vertreibung und Vernichtung von Juden, Sinti und Roma, politisch Verfolgter, Antifaschisten, Homosexueller, Zeugen Jehovas und an die Euthanasieopfer im deutschen Faschismus.

Stolpersteine sind 10 mal 10 mal 10 cm große Betonsteine, an denen sich auf der Oberseite ein 1mm dickes Messingblech befindet. Mit eingeschlagenen Lettern steht auf ihnen geschrieben: HIER WOHNTE und dann der Name der Person und weitere Angaben. Diese Steine werden vor den jeweilig letzten Wohnanschriften eingelassen.

Der Kölner Künstler Gunter Demnig hat diese Form des Gedenkens initiiert. Er will, dass das Gedenken in unserer Mitte und damit immer präsent ist. Dadurch, dass die Stolpersteine sich ebenerdig im Gehweg befinden, werden sie durch das Darüberlaufen blank poliert und man "stolpert" mit den Augen.

Anfang 2003 hat sich ein Vorbereitungskreis "Stolpersteine in Neuruppin" zusammengefunden und inzwischen mehrmals getroffen. Bei einem der Treffen war auch Gunter Demnig anwesend. Anfang Mai wurden Arbeitskreise zu verschiedenen Opfergruppen gebildet. Neben einem Arbeitskreis zu den jüdischen Opfern gibt es weitere zu den Euthanasieopfern in der damaligen Landesirrenanstalt, sowie zu den Zwangsarbeitern, die nach Neuruppin verschleppt wurden, um u.a. in der damaligen Feuerlöschgerätefabrikation zu arbeiten.

Gleichzeitig begann der Vorbereitungskreis die Zustimmung der Stadt Neuruppin zu dem Vorhaben einzuholen. Am 29.9.2003 hat daraufhin die Stadtverordnetenversammlung Neuruppin folgenden Beschluss unter dem Betreff "Stolpersteine", ein Projekt für das städtische Gedächtnis einstimmig gefasst:

  1. Die Stadtverordnetenversammlung billigt das Projekt "Stolpersteine".
  2. Die Verwaltung wird beauftragt, die Umsetzung des Projektes "Stolpersteine" zu fördern.

Am 17.11.2003 wurden die ersten Steine verlegt für die jüdischen Opfer, am 19.10.2004 folgten 6 Steine für Euthanasieopfer.

Stolpersteine für die ermordeten jüdischen Mitbürger Neuruppins

Voraussichtlich im Herbst 2003 werden die ersten Stolpersteine zu den jüdischen Opfern gelegt werden. Diese sind:

[Titelseite Mitteilungsblatt Nr. 10 des Historischen Verein der Grafschaft Ruppin, Oktober 1999][D]

Diese Angaben stützen sich auf die Arbeit von Uwe Schürmann, die er im Mitteilungsblatt Nr. 10 des Historischen Verein der Grafschaft Ruppin veröffentlicht hat.

Noch sind die Recherchen aber nicht abgeschlossen. Wir bitten daher ehemalige Nachbarn, Bekannte und Freunde um weitere Informationen. Auch Fotos, Briefe und anderes Schriftmaterial würden helfen, die Angaben zu vervollständigen und dem Gedenken ein Gesicht zu geben.

[Brief des Rabbiners Nachum Presman vom 14.11.2003][D]

Im Vorfeld der Verlegung der Stolpersteine für diese NeuruppinerInnen schickte der vom Vorbereitungskreis "Stolpersteine in Neuruppin" eingeladene Rabbiner Nachum Presman aus Potsdam ein FAX:

Vorbereitungskreis "Stolpersteine in Neuruppin"
c/o Rainer Fellenberg
Friedrich-Engels-Str. 42
16816 Neuruppin

Potsdam, 14.11.2003

Sehr geehrter Herr Fellenberg,

herzlichen Dank für die mir über Frau Förster und Dr. Weißleder zugegangene Einladung für kommenden Montag. Leider habe ich bereits an diesem Tag eine Verpflichtung in der Landeshauptstadt und kann deshalb nicht bei Ihnen sein. Neuruppin habe ich in Verbindung mit dem Jerusalemplatz und dem rekonstruierten jüdischen Friedhof mehrfach besucht. Ich danke Herrn Arndt, Pfarrer Karau und allen Verantwortlichen, die auf ihre Art und Weise die Erinnerung an die Vergangenheit wach halten und sich gegen fremdenfeindliche Vorurteile zur Wehr setzen.

Die Mitglieder Ihres Vorbereitungskreises setzen diese begrüßenswerte Erinnerungsarbeit fort. Die auf der Grundlage regionalgeschichtlicher Forschungsarbeit von Herrn Schürmann ausgewählten Personen erzählen die Geschichte der einstigen jüdischen Nachbarn in der Stadt. Ihnen kann zukünftig praktisch täglich mittels "Stolpersteinen" konkret und am authentischen Ort gedacht werden. Ich würde mich besonders freuen, wenn Neuruppiner Schüler durch die Stolpersteine zur Beschäftigung mit der Familiengeschichte von Neuruppiner Juden angeregt würden. Informieren Sie mich bitte nachträglich bei nächster Gelegenheit über den Verlauf der Veranstaltung am Montag und die Resonanz auf die, meines Wissens erstmals in unserem Bundesland angebrachten, besonderen Pflastersteine.

[Gunter Demnig verlegte am 17.11.2003 Stolpersteine in Neuruppin][D]

Am 17.11.2003 wurden von Gunter Demnig die Steine für die ermordeten jüdischen Mitbürger Neuruppins verlegt mit Ausnahme der Steine für Hermann Hertzberg und Hermine Hertzberg. Hier sind noch kurzfristig Zweifel an der oben genannten Anschrift Schifferstr. 4b aufgetreten. Sobald dies geklärt ist, werden die Steine beim nächsten Aufenthalt von Gunter Demnig in Neuruppin verlegt.

Stolpersteine für die Opfer der Euthanasie aus der Landesirrenanstalt Neuruppin

[Titelseite "Brandenburgische Heil- und Pflegeanstalten in der NS-Zeit"][D]

Bereits im Jahr 2004 sollen die ersten Stolpersteine für Opfer der Euthanasie aus der Landesirrenanstalt Neuruppin gelegt werden. Diese Arbeitsgruppe wird unterstützt durch Frau Dr. Kristina Hübener von der Universität Potsdam, die auch die Bücher "Brandenburgische Heil- und Pflege-anstalten in der NS-Zeit" und "Dokumente zur Psychiatrie im Nationalsozialismus" herausgegeben hat. Im Rahmen eines Projektes der Universität Potsdam wurde bereits in Zusammenarbeit mit der Krankenpflegeschule der Ruppiner Kliniken - völlig unabhängig vom Vorbereitungskreis "Stolpersteine" - die Verlegung der Stolpersteine vorbereitet.

Versteckt, verlegt, vergast

Ruppiner Kliniken erinnern mit sechs Stolpersteinen an Euthanasie-Opfer

von Juliane Wagner, Neuruppin, MAZ vom 21.09.2004

Ihre Krankenakten enden mit einem lapidaren Eintrag: "in eine andere Anstalt verlegt". Ihr Leben endete in der Gaskammer. Zehntausende geistig behinderte und psychisch kranke Menschen wurden im Dritten Reich Opfer der unter Euthanasie bekannten Mordaktion.

In den Ruppiner Kliniken werden im Oktober dieses Jahres zum Gedenken an eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Medizingeschichte so genannte Stolpersteine verlegt. Sie sollen Hinweise auf Leben und Schicksal der Ermordeten liefern. Den Opfern geben sie einen Namen.

Sechs Steine sind geplant - als Symbole für viele weitere Menschen, die den grauenvollen Test zum Völkermord an den Juden nicht überlebten:

Verlegt werden die Stolpersteine - Pflastersteine mit einer rund zehn mal zehn Zentimeter großen Messingplatte - am 19. Oktober ab 9.30 Uhr auf dem Kliniken-Gelände. Im Anschluss daran wollen die Ruppiner Kliniken um 10.45 Uhr im Alten Gymnasium am Neuruppiner Schulplatz eine Ausstellung über das Stolperstein-Projekt eröffnen. Der Historiker Dietmar Schulze stellt zugleich sein Buch über "Die Landesanstalt Neuruppin in der NS-Zeit" vor; der Kölner Künstler Gunter Demnig erklärt den Sinn der Stolpersteine. Er hat für Neuruppin bereits acht Stolpersteine zur Erinnerung an ermordete Juden gestaltet (die MAZ berichtete). Etwa 3000 Steine hat der Bildhauer bisher in 25 Städten installiert. In Brandenburg sind die Neuruppiner Steine die ersten.

Schicksal in Stein

Die Ruppiner Kliniken arbeiten das finstere Kapitel der Euthanasie mit einem Kunstprojekt und einer Schau auf

von Juliane Wagner, Neuruppin, MAZ vom 20.10.2004

Ein Brief aus der psychiatrischen Anstalt Neuruppin war für die Eltern das letzte Lebenszeichen. Eine Beurlaubung ihres Sohnes Werner halte ich vorläufig nicht für ratsam, da der Kranke erneut unter dem Einfluß lebhafter Sinnestäuschungen steht, schrieb der Anstaltsdirektor. Er ist zeitweise sehr erregt, schimpft sehr viel und neigt zu verkehrten Handlungen. Kurz darauf wurde der seelisch kranke Sohn in der Euthanasie-Anstalt Bernburg vergast. Seine Krankenakte schließt mit dem lapidaren Vermerk verlegt.

1497 Patienten der Neuruppiner Anstalt sind Anfang der 40er-Jahre auf diese Weise systematisch aus dem Weg geschafft worden. Ihr Schicksal war die "Aktion T4".

Seit gestern erinnern sechs so genannte Stolpersteine symbolisch an den Massenmord, der zu den finstersten Kapiteln der Psychiatriegeschichte gehärt. Der Kölner Künstler Gunter Demnig hat die mit Messing beschlagenen Steine am Morgen vor dem Haupthaus der Ruppiner Kliniken ins Pflaster eingelassen. Im Alten Gymnasium eröffnete die Klinikleitung kurz darauf eine Ausstellung zum Gedenken an die Euthanasie-Opfer.

Unter dem Decknamen "Aktion T4" (benannt nach der Organisationszentrale in der Berliner Tiergartenstraße 4) waren 1940 und 1941 allein in Berlin und Brandenburg mehr als 70000 seelisch kranke und geistig behinderte Menschen in sechs zentralen Vergasungsanstalten ermordet worden. Die Aktion gilt unter Historikern als Testlauf zum Völkermord an den Juden. Auch das dokumentiert die Schau im Alten Gymnasium, die von fünf Krankenpflegeschülern der Kliniken erarbeitet worden ist. Unter der Leitung der Berliner Historikerin Dr. Kristina Hübener haben sich Dajana Görn, Dana Pillatzki, Andreas Märzke, Michael Bahr und Andreas Schnee in Krankenakten und Literatur vertieft. Mit ihrer Schau zeichnen sie ein beklemmendes Bild vom Schicksal der Ermordeten. Vom Leben und Sterben der Elsa J., Jahrgang 1902, verlegt am 20. August 1940. Von der Verschleppung Bergliot H.s, Jahrgang 1901, verlegt am 30. Juni 1941. Von Hildegard L., Jahrgang 1926, verlegt am 20. Juni 1940. Von Gerhard G., Jahrgang 1914, verlegt am 18. Juni 1940. Von Herbert Sch., Jahrgang 1911, verlegt am 27. Juni 1940 und von Arthur B., Jahrgang 1912, verlegt am 18. Juni 1940. Ihre Namen stehen auf den Steinen - die Erinnerung an ihr grauenhaftes Schicksal soll von täglich darüberlaufenden Füßen blank poliert und somit wach gehalten werden. Das ist das Ansinnen des Künstlers Gunter Demnig, der mehr als 4000 Stolpersteine in 54 Städten verlegt hat. Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist, sagte Demnig gestern zur Eröffnung der Schau.

Auch Dr. Christoph Göhlert, ärztlicher Direktor des psychiatrischen Zentrums in den Ruppiner Kliniken, forderte in seiner eindringlichen Rede: Wir müssen die Erinnerung wach halten. Dass über den 65. Jahrestag des Euthanasiebefehls am 1. September kaum berichtet worden sei zeige, so Göhlert, dass Verdrängung perfekt funktioniert. Mit Befremden habe er registriert, dass in den Ruppiner Kliniken bis heute nur fünf Anfragen zum Schicksal ermordeter Patienten eingegangen sind, erzählte Göhlert. Und erinnerte an die Gräuel der Nationalsozialisten. An das am 14. Juli 1933 erlassene "Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses", in dessen Folge rund 400 000 Menschen zwangssterilisiert wurden. Selbst nach dem von Hitler angeordneten Vergasungsstopp im August 1941 sei weiter gemordet worden - mit Nahrungsentzug, Medikation oder mangelnder Pflege.

Das Ausmaß der Euthanasie wird dem Besucher der Schau schwarz auf weiß bewusst: Allein die Listen mit den Namen aller 5088 in Brandenburg ermittelten Opfer füllen eine Wand des Ausstellungsraums im Obergeschoss des Alten Gymnasiums. Dort ist die Schau noch bis Ende November dieses Jahres zu sehen.

Stolpersteine für die in Neuruppin gestorbenen Zwangsarbeiter

Diese Arbeitsgruppe hat gerade erst mit den Recherchen begonnen. Diese erbrachten bislang nur, dass in Neuruppin in der Heinrichstr. 1 ein Lager für Zwangsarbeiter bestand und insgesamt circa 9000 Zwangsarbeiter in Neuruppin waren. Weitere Recherchen nach einer Namensliste dieser Zwangsarbeiter und ein Vergleich mit den Sterberegistern aus der Zeit stehen an.

Bitte um Informationen

Der Vorbereitungskreis "Stolpersteine" ist auf die Hilfe von Zeitzeugen angewiesen. Daher unsere dringende Bitte: Wenn Sie Informationen zu den in den einzelnen Abschnitten genannten Personen oder Personengruppen haben, stellen Sie sie uns bitte zur Verfügung.

Zu einigen dieser Gruppen gibt es noch keine Arbeitsgruppen im Vorbereitungskreis. Dennoch sammeln wir auch hier die Informationen, um ein Gedenken zu ermöglichen:
Wer kennt noch Mitglieder der Bekennenden Kirche oder der Zeugen Jehovas und wer weiß etwas über ihr Schicksal?
Wer kann sich an den Dibelius-Prozess, der 1935 in Neuruppin stattfand, erinnern? Hintergrund hierzu:
Am 24. Juni 1933 setzten die Nazis Otto Dibelius, Superintendent der Kurmark, ab und einen ergebenen Staatskommissar für die Evangelische Kirche Brandenburgs ein. Als Reaktion darauf und in Abgrenzung von den rechtslastigen Deutschen Christen und den Nazis bildete sich dann eine "Bekennende Kirche", die seit 1935 Widerstand leistete (Niemöller, Bonhoefer und andere). Otto Dibelius gehörte dem Bruderrat der Bekennenden Kirche seit dem 1. Juli 1934 an. Einen Pfarrer, der ihn als Landesverräter bezeichnet hatte, verklagte Dibelius mutig und der Prozess fand 1935 unter großer Anteilnahme in Neuruppin statt. Ein mutiger Richter verurteilte den Pfarrer zu einer Geldstrafe und Dibelus gewann trotz SS-Terror den Prozess. Für die Bekennende Kirche auch in Neuruppin war das ein beachtlicher Sieg. Insbesondere die weiteren Folgen für die Mitglieder der Bekennenden Kirche in Neuruppin sind hier von Interesse.

Impressum und Kontakt:

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Vorbereitungskreis "Stolpersteine in Neuruppin"
Rainer Fellenberg
Fehrbelliner Str. 2, D-16816 Neuruppin
Tel.: +49 (0)3391 3487631
Mail: info@stolpersteine-neuruppin.de

Stolperstein: Auf dem Bild sind beispielhaft zwei Stolpersteine abgebildet, die auf dem Neuruppiner Schulplatz verlegt wurden. Sie tragen die Schrift: HIER WOHNTE EDITH FRANK ... VERSCHOLLEN IN AUSCHWITZ und HIER WOHNTE EMMA ANKER ... VERSCHOLLEN IN AUSCHWITZ.

Titelseite Mitteilungsblatt Nr. 10 des Historischen Verein der Grafschaft Ruppin, Oktober 1999: Auf dem Bild ist das Deckblatt des Mitteilungsblatt Nr. 10 des Historischen Verein der Grafschaft Ruppin, Oktober 1999, zu sehen mit einem Foto von Dr. Arthur Jacoby, einem der ermordeten jüdischen Mitbürger Neuruppins.

Brief des Rabbiners Nachum Presman vom 14.11.2003: Der Brieftext steht im Zitat neben dem Bild.

Foto von Gunter Demnig beim Verlegen der Stolpersteine für Erna und Arnold Jacoby in der Karl-Marx-Str. 58 am 17.11.2003.

Titelseite "Brandenburgische Heil- und Pflegeanstalten in der NS-Zeit": Auf dem Bild ist das Deckblatt des Buches "Kristina Hübener (Hg.) mit Martin Heinze: Brandenburgische Heil- und Pflegeanstalten in der NS-Zeit - Band 3 der Schriftenreihe zur Medizin-Geschichte des Landes Brandenburg" abgebildet.

Dieses Foto zeigt Gunter Demnig beim Verlegen der 6 Steine vor dem Hauptgebäde der Ruppiner Kliniken am 19.10.2004, umgeben von interessierten Zuschauern, u.a. Landrat Christian Gilde.

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